Der Friedhof von Ober-Hilbersheim in Geschichte und Gegenwart: [11-11-2003]
Zur Sepulkralkultur eines rheinhessischen Dorfes (Auszug)
By Heiko Schmuck
Posted 11-11-2003
Die nachfolgende Darstellung der Beerdigungen in Ober-Hilbersheim beschränkt sich auf das 20. Jahrhundert, wobei hierbei der Schwerpunkt auf die Gegenwart gesetzt wird. Das Jahr 1980 markiert die gravierendste Zäsur in der örtlichen Bestattungskultur, da damals die Leichen- oder Aussegnungshalle in Betrieb gestellt wurde und mit ihr etliche grundlegende Bräuche entfielen: Die Aufbahrung des Verstorbenen im Trauerhaus wurde unter anderem hinfällig, ebenso der Zug der Trauernden von dort zum Friedhof entlang einer traditionell festgesetzten Route. Die Einsargung der Leiche erfolgte meist am Tag nach dem Tod – heute so schnell als möglich – und wurde bis in die 70er Jahre hinein von ansässigen Schreinern vorgenommen, die bis zu Anfang der 60er Jahre auch selbst noch Särge anfertigten. Schneidermeister Wilhelm Raab war, vermutlich bis in die 20er Jahre, als Leichenwäscher tätig, später übernahmen Verwandte oder Nachbarn das Herrichten und Ankleiden der Leiche, doch scheint hier eine größere Sorgfalt zunehmend in Abgang zu geraten, etwa wenn dem Toten die Augen nicht richtig geschlossen werden, der Kiefer nicht hochgebunden wurde und so der Mund offensteht oder er aber ungekämmt im Schlafanzug eingesargt ist.
Berichten älterer Ober-Hilbersheimer zufolge wurde der Verstorbene in der Regel in seiner Schlafstube aufgebahrt, bei heißer Witterung in einem Nebengebäude, wo zur Kühlung rings um den Sarg Blockeis aus der Mainzer Aktienbrauerei angehäuft werden konnte. Die Aufbahrung in der Leichenhalle entbehrt bislang jeglicher Pietät. Ein kleiner, weißgetünchter, kahler Raum ohne Fenster beherbergt eine gläserne Box, in der die eingesargten sterblichen Überreste bei plus vier Grad kühl gehalten werden. Wenn überhaupt, nehmen dort nur die engsten Angehörigen Abschied von dem Toten und nicht selten geben sie die Anweisung, den Sargdeckel für immer zu schließen, bevor der Verstorbene in die Kühlbox geschoben wird. Gehörte dieser einer christlichen Religion an, was in Ober-Hilbersheim noch bei etwa neun Zehnteln aller Einwohner der Fall ist, verkündet das sogenannte Schaabläuten sein Ableben, obwohl sich sehr häufig zuvor schon durch Mundpropaganda die Nachricht eines Sterbefalls verbreitet hat. Noch vor der üblichen Todesanzeige, gewöhnlich in der Allgemeinen Zeitung Ingelheim, erfährt man davon spätestens bei einem Besuch des einzigen Lebensmittelladens, wenn sich auf dem Kassentisch Beileidskarten befinden. Die Verkündung des Todesfalls durch einen nicht dem Trauerhause angehörigen Verwandten ist vermutlich schon zu Anfang des Jahrhunderts außer Mode gekommen, stattdessen sind Kondolenzbesuche bei den Trauernden durch Verwandte, Nachbarn und Freunde immer noch üblich, meistens nachdem der Pfarrer sein etwa einstündiges Gespräch mit der hinterbliebenen Familie geführt hat.
Bis 1980 wurde der mit Blumen geschmückte Sarg am Morgen vor der Beerdigung, wenn möglich am dritten Tag nach dem Tod, im Hof des Trauerhauses aufgebahrt und mit den gestifteten Kränzen umgeben. Die übliche Uhrzeit für Beerdigungen Evangelischer ist heute dreizehn Uhr, in der Vergangenheit lag sie in der Regel eine Stunde früher. Bei den Katholiken können die Beerdigungen inzwischen erst um vierzehn Uhr beginnen, aus Rücksicht auf die Ministranten, die oft erst um etwa halb zwei aus der Schule nach Hause gelangen. Seit 1992 finden gemäß Gemeinderatsbeschluss keine Bestattungen mehr samstags statt, seit wann diese nicht mehr auf den Sonntag gelegt werden, ist nicht festzustellen, doch war dieser Brauch noch bis einschließlich 1956 üblich.
Vor der Beerdigung versammelte sich die Trauergemeinde, das heißt die Verwandtschaft und der Freundeskreis des Dahingeschiedenen mit Angehörigen nahezu aller einheimischen Familien, im Hof des Trauerhauses, von wo der Leichenzug zum Friedhof seinen Anfang nahm. Er folgte dem Weg, den der Verstorbene zu Lebzeiten in die Kirche genutzt hatte. Vorneweg gingen die Schulkinder mit den Kränzen, Mitglieder der Vereine, denen der Verstorbene angehört hatte und schließlich der Pfarrer vor dem Sarg, direkt dahinter folgten die nächsten Angehörigen. Bis in die zweite Jahrhunderthälfte wurde der Sarg getragen. An verschiedenen Wegstellen standen Schemel bereit, auf denen der Sarg kurz abgesetzt werden konnte. Von den 50er Jahren etwa bis 1964 transportierte Franz Pfeifer mit einem einspännigen schwarzen Gemeindeleichenwagen den Toten, danach führte der Sprendlinger Bestatter Hofmann diese Aufgabe mit seinem Leichenauto aus. Heute wird der Sarg in der Leichenhalle auf ein schwarzes Wägelchen gestellt, den vier, immer noch als Träger bezeichnete Herren über das Grab heben und unter Mithilfe des zuständigen Bestatters und Gemeindearbeiters versenken. Nach wie vor führen dies üblicherweise Nachbarn aus, Ehrenmitglieder werden von Angehörigen des jeweiligen Vereins getragen, Feuerwehrkameraden in Uniform mit weißen Handschuhen halten zusätzlich während der Dauer der Traueransprache durch den Pfarrer Ehrenwache neben dem Sarg.
Gehörte der Verstorbene dem Männergesangsverein an, so werden ihm als Passiven zwei, als Aktiven drei Grablieder gesungen, eines vor Beginn der Beerdigungsfeier, zwei beziehungsweise drei am Grab. Die Rede des Geistlichen in der Leichenhalle ist, auch beim evangelischen Pfarrer inzwischen, relativ kurz, und nur die wesentlichsten Lebensdaten finden Erwähnung. Ausführlicheres wird für den anschließenden Trauergottesdienst aufgespart. Die Ansprachen der Vereinsvorsitzenden werden in der Regel am Grab gehalten. Anschließend nehmen die engsten Angehörigen Abschied von den Toten, bei welcher Gelegenheit viele schon den Friedhof verlassen. In der Vergangenheit unüblich war das Werfen von Erde auf den Sarg, ebenso das Aussprechen von Beileidsbekundungen am Grab, was ehemals nur von näheren Verwandten in Anspruch genommen wurde. Dunkle oder schwarze Trauerkleidung gar wird längst nicht mehr von jedem Beerdigungsteilnehmer getragen. Vor allem Jüngeren fehlt häufig die passende Kluft, weshalb gewöhnliche Blue-Jeans und Turnschuhe selbst bei hinterbliebenen Enkeln nichts Ungewöhnliches mehr ist.
Was in zahlreichen Gemeinden schon lange abgeschafft ist, hat sich in Ober-Hilbersheim bei beiden Konfessionen erhalten: Der Trauergottesdienst ist dort ein wichtiger Bestandteil der Beerdigungsfeier und wird auch stark frequentiert. Er beginnt, sobald die nächsten Angehörigen in den vorderen Bänken Platz genommen haben. Die zwei mit Abstand amm häufigsten angeschlagenen Lieder bei evangelischen Beerdigungsgottesdiensten sind Befehl du deine Wege von Paul Gerhardt, und Martin Luthers Eine feste Burg ist unser Gott. Die Trauerfamilie singt nicht. In seiner Predigt geht der Pfarrer detaillierter auf die Biographie des Verstorbenen ein, in der wichtige Stationen seines Lebens, Schicksalsschläge, Krankheiten, Hobby und Beruf, und verstärkt seine Stellung zur Familie, eine wichtige Rolle spielen. Die Kollekte von Trauergottesdiensten zählen zu den höchsten im Kirchenjahr und werden manchmal nur noch durch die Heiligabenddaben übertroffen.
Der Beerdigungskaffee fand traditionellerweise in der guten Stube des Trauerhauses statt. Möbel wurden ausgeräumt, Tische und Bänke aus der Turnhalle entliehen. Damals wurde nur die engste Verwandtschaft und der Pfarrer eingeladen, heute hingegen bietet der Leichenschmaus, oft über Jahre hinweg, die einzige Möglichkeit für einen Familie, mit allen Angehörigen zusammenzufinden. Manchmal schreckt allerdings familiärer Hader vor dem Besuch des Kaffees ab und ist es sogar schon mehrfach vorgekommen, dass etwa Schwiegersöhne überhaupt ganz von der Beerdigung eines Schwiegerelternteils entfernt blieben. Das Trauermahl besteht aus Butterzopf sowie gefülltem und trockenen Streuselkuchen, es gibt Wurst- und Käsebrote, dazu Kaffee und Wein. Zum Mahl wird die Turnhallengaststätte oder das evangelische Gemeindehaus angemietet, Frauen aus der entfernteren Verwandtschaft oder Nachbarschaft übernehmen die Bewirtung und tragen auch dafür Sorge, dass die ältesten Dorfeinwohner einige Stücke Zopf und Hefekuchen zu Hause erhalten, die Sargträger, Totengräber und der Küster bekommen ebenfalls Kuchen, ein oder zwei Flaschen Wein und einen Geldschein.
Während der Dauer des Leichenschmauses bedecken die beiden Gemeindearbeiter den Sarg. In Ober-Hilbersheim ist dies, ebenso wie das Ausheben, immer noch Handarbeit und aufgrund des schweren lettenhaltigen Bodens benötigt ein einzelnes Grab oft mehr als sechs Stunden. Das Auflegen der Kränze, Buketts und Schalen, die in der Leichenhalle um den Sarg ausgebreitet werden, erfolgt nach einem bestimmten Muster: Am Fussende des Grabhügels wird der Kranz der nächsten Hinterbliebenen niedergelegt, links und rechts davon die Kränze weiterer naher Familienmitglieder, entfernter diejenigen von Nachbarn, Freunden oder Vereinen. Mit Schalen und Buketts wird die Erde der Hügeloberfläche bedeckt. Nach dem Kaffee begutachtet die Trauergesellschaft dann das geschmückte Grab, wobei besonderes Augenmerk auf die Schleifen gelegt wird. Am Sonntag nach der Beerdigung ist es noch obligatorisch, dass die nächsten Hinterbliebenen evangelischer Verstorbener den Gottesdienst besuchen und auch am Totensonntag in der Kirche präsent sind. Aber auch hier zeigt sich die Tendenz, dass sich längst nicht jeder Angehöriger eines Trauerhauses dazu verpflichtet fühlt.
Abschließend noch ein paar Bemerkungen zu Urnenbegräbnissen in Ober-Hilbersheim: Durch die Errichtung des Krematoriums auf dem Mainzer Hauptfriedhof 1903 fand die Leicheneinäscherung 25 Jahre nach der Einweihung der ersten deutschen Verbrennungsanstalt in Gotha auch in Rheinhessen allmählich ihren Einzug; jahrzehntelang jedoch freilich nur bei Protestanten, Freireligiösen und Nichtchristen. Der erste Ober-Hilbersheimer, der wahrscheinlich noch vor dem Ersten Weltkrieg in den Mainzer Verein für Feuerbestattung eintrat, war Johann Klippel II. Zu unbestimmter späterer Zeit wurden weitere Dorfeinwohner Mitglieder oder äußerten zu Lebzeiten aus verschiedenen Gründen den Wunsch, verbrannt zu werden. Als erster Ober-Hilbersheimer wurde Gastwirt Friedrich Wilhelm Bieser am 15. März 1927 eingeäschert, seine Überreste bestattete man auf dem Urnenhain des Mainzer Zentralfriedhofs. Vor seiner Überbringung in die Provinzhauptstadt wurde für ihn eine Gedächtnisfeier am Trauerhaus veranstaltet. Bis 1940 ließen sich drei weitere Personen verbrennen, danach erfolgten offenkundig bis mindestens 1956 keine Einäscherungen mehr. Vermutlich erst in den 60er Jahren begrub man die erste Urne auf dem Ober-Hilbersheimer Friedhof, doch bildet diese Bestattungsform dort immer noch die Ausnahme. In den letzten vier Jahren (Dez. 1995-Nov. 1999) wurde sie bei drei der einheimischen 36 Verstorbenen vorgenommen, doch hat sie in einigen wenigen Familien schon eine lange Tradition.
Dieser Beitrag erschien erstmals in den Alzeyer Geschichtsblättern, Heft 32, 2000, S. 142 ff. [158-163]
Zum Märchenweihnachtsmarkt erscheint Ober-Hilbersheimer Ortsbroschüre: [20-10-2003]
Die Broschüre soll von den Arbeitskreisen “Ortsbild”, “Tourismus” und “Lebensqualität” erarbeitet werden. (AZ vom 20.10.2003)

